Made in Europe?! Kreativität. Qualität. Service – Stoffmärkte im Umbruch
...
Teilnehmer:
Dr. Walter Niedermair, Geschäftsführer, Lanificio Moessmer, Brunico (IT)
Horst Harrer, Geschäftsführer, Knopf-Schäfer, Aschaffenburg
Karl-Friedrich Schielmann, Product Manager Brax
Hans-Peter Hiemer, Markensprecher, One Touch, Wedemark
Marco Lucietti, Marketing Director, SANKO Holding - ISKO Division, Bergamo (IT)
Leitung:
Michael Werner, Chefredakteur TextiWirtschaft
Michael Werner:
„Das Sourcing unterläuft gerade nachhaltige Veränderungen. Die Preisfront ist leider kein kurzfristiges Phänomen. Dass wir die Deflation aus Asien weiter importieren, wird ein Ende haben. Die sozialen Ansprüche vor allem in China haben sich gewandelt. Dazu kommen immer weniger Wanderarbeiter und starke chinesische Marken, die zunehmend Volumina in der Produktion abschöpfen. Dies kann das Ende von „billig“ bedeuten. Dazu kommen die rasant wachsenden Kosten auf den Beschaffungsmärkten. Das Problem ist jedoch der Handel mit seinen rigiden Eckpreispunkten. Daher müssen die höheren Preislagen offensiver vermarktet werden. Das Wort „Wert“ in preiswert muss wieder in den Vordergrund gestellt werden. Gibt es eine Alternative zu China? Schwierig diese Volumina anderswo unterzubringen.“
Marco Lucietti:
„Im September 2011 ist die Lage für Denim ein wenig entspannter, daher sind wir zuversichtlich. Der Baumwollpreis ist jedoch weiterhin schwierig. Während der letzten Saison mussten wir daher 3x die Preise erhöhen. Die Türkei könnte als Produktionsstandort interessant werden. 50% der Einwohner sind unter 29 und gut ausgebildet, das BSP ist letztes Jahr um 12% gewachsen. Das Denim Know-how muss in Europa bleiben und darf nicht nach China verkauft werden. Dort werden schon die ersten Experten aus Europa angeheuert.“
Walter Niedermair:
„Bei der Wolle haben wir die extremsten Anstiege zu verzeichnen (40-80%). Das hat natürlich auch erhöhte Stoffpreise zur Folge. Wir können das nicht durch die Margen amortisieren. Und wir müssen uns langsam an diesen Trend gewöhnen und ihn als normal betrachten. Höherer Lebensstandard in Asien sowie die Rohstoffpreise werden eine andere Preisstruktur zur Folge haben. Ich denke, das Überleben in der Nische wird einfacher, da es hier noch um Innovation geht und dies das Einzige ist, was die Branche weiterbringen wird, nicht Diskussionen um Preis und Kosten. Der Preis muss die Konsequenz aus Qualität und Service sein. Das heißt, die ganze textile Kette muss sich ändern und das Margendiktat des Handels muss hinterfragt werden.“
Karl-Friedrich Schielmann:
„Baumwolle hat sich entspannt, Wolle ist ein Horror. Wir müssen daher bei Wolle die gültigen Preislagen verlassen. Die Hose über 100 Euro ist sicher nicht leicht für Brax, auf der anderen Seite muss die Eckpreislage über 100 Euro massentauglich gemacht werden. Die Märkte in der Schweiz und Belgien liefen den Beweis, dass dies möglich ist. Dort kosten die Produkte teilweise das Doppelte! Für Brax planen wir für die nächsten Jahre, unseren Anteil an dem Segment über 100 Euro auf 10% - 15% zu erhöhen.“
Hans-Peter Hiemer:
„Die Konfektion braucht mehr Zugriff auf die Flächen. Wir müssen vertikal denken, aber die Partner müssen besser integriert werden. Das Risiko muss wieder besser verteilt werden (Vorstufe/Beschaffung, Konfektion und Handel) Wir müssen bessere Partnerschaften eingehen und gemeinsam Systeme entwickeln. Der Einkauf des Handels ist einfach nicht entspannt genug. Auch der muss den Endverbrauchern die veränderte Ausgangslage deutlich machen, denn die Rohstoffmärkte werden auch weiterhin starken Schwankungen unterliegen. Leider trifft es immer die Bekleidungsindustrie am härtesten. Die Preise in der Automobil und Lebensmittelindustrie gehen ja auch stetig nach oben, nur in der Mode bewegt sich der Preis nach unten.“
Horst Harrer:
„Auch bei den Knöpfen ist die Preisentwicklung ähnlich dramatisch mit Anstiegen von 70-80%. Die Preise für Horn, Polyester, Metall sowie Zink und Messing sind alle nach oben geschnellt. Und leider macht 60% des Preises der Rohstoff aus und nur 40% die eigentliche Arbeit. Wir können uns nur noch durch Kreativität einen Vorsprung verleihen, aber wir sind zunehmend mit dem Problem konfrontiert, dass die Konfektion Musterknöpfe bei den hochwertigen Europäern kauft, um diese dann in Asien selber herstellen zu lassen.“